Energie aus Holz kann Treibhausgas-Emissionen ansteigen lassen

Wolfgang Kuhlmann Biomasse, EU, Holzenergie, RED II

Ohne verbindliche Nachhaltigkeitskriterien kann das Verbrennen von Holz für Bioenergie zu hohen Treibhausgasemissionen führen. Während die EU-Länder in die Endphase der Verhandlungen für eine neue Politik für erneuerbare Energien eintreten, warnt eine neuer Bericht vor den Gefahren, die mit einer unkontrollierten Ausweitung der Nutzung von Holz zur Energieproduktion verbunden sind.

Der wissenschaftliche Dienst der britischen Forstbehörde formuliert zwar sehr zurückhaltend, doch die Aussagen sind deutlich: Die Erneuerbare Energien Richtlinie der EU enthält bislang zu wenig Nachhaltigkeitskriterien, um sicherzustellen, dass der Einsatz von Holz zur Energieproduktion auch zu einer Verringerung der Treibhausgas-Emissionen führt.

Ein strittiger Punkt der laufenden Verhandlungen ist die Frage, in welchem Umfang EU Staaten Förderprogramme für die Umrüstung ineffizienter Kohlemeiler auf die Verbrenung von Holz auflegen dürfen. Der Bericht liefert gute Argumente, um hier sehr enge Grenzen zu ziehen.

 

zum Bericht

 

Deutsche Zusammenfassunng von „Carbon impacts of biomass consumed in the EU“

Der vorliegende Bericht wurde vom Bereich Forstforschung der European Climate Foundation (ECF) erstellt, um eine umfassende Analyse zur Erläuterung der Ergebnisse eines Projekts für die Europäische Kommission (GD ENER) mit dem Titel „Carbon Impacts of Biomass Consumed in the EU“ (Kohlenstoffintensität in der EU verwerteter Biomasse) bereitzustellen, nachstehend als „Projekt BioImpact“ bezeichnet.

Die ECF hat den Bereich Forstforschung veranlasst, die Erkenntnisse aus dem Projekt BioImpact tiefer zu analysieren, um Antworten zu 3 Kernbereichen der EU-Bioenergiepolitik zu liefern:

 

Vergleich von Bioenergie-Szenarien – Auf Grundlage des Projekts BioImpact: Bereitstellung vereinfachter Schlussfolgerungen zu den verschiedenen Bioenergie-Szenarien, die einen vergleichsweise höheren oder niedrigeren THG-Ausstoß im Vergleich zum Basis-Szenario ergeben.

 

Gefahrenanalyse der EU-Bioenergiepolitik – Auf Grundlage der Erkenntnisse aus dem ersten Kernbereich: Angaben zu den Gefahren im Zusammenhang mit der EU-Bioenergiepolitik, sowohl mit als auch ohne spezifische Maßnahmen zur Sicherstellung einer nachhaltigen Energieerzeugung.

 

Kriterien für die Senkung des THG-Ausstoßes – Bereitstellung eines Katalogs praktisch anwendbarer Nachhaltigkeitskriterien um sicherzustellen, dass die zur Erfüllung der EU-Bioenergieziele verwendeten Biorohstoffe eine Senkung des THG-Ausstoßes bewirken, und zu bewerten, ob RED II diese Problematik abdeckt.

 

1) Vergleich von Bioenergie-Szenarien

Die für dieses Projekt eingesetzten Szenarien entsprechen jenen des ursprünglichen Projekts BioImpact. Diese Szenarien wurden einer folgenbezogenen Lebenszyklusanalyse (Consequential Life Cycle Analysis, CLCA) unterzogen. Zweck der CLCA ist die Ermittlung der kollektiven Gesamtfolgen einer Handlungsweise oder einer Politik im Vergleich zu einer kontrafaktischen Situation (in der z. B. die entsprechende Handlungsweise oder Politik nicht verfolgt wird), ohne dabei zu versuchen, individuellen Komponenten des Systems (z. B. spezifischen Biomasserohstoffen) einen spezifischen THG-Ausstoß zuzuordnen. Nachstehend erfolgt eine Zusammenfassung der Modellierungsergebnisse.

Das Szenario mit uneingeschränktem Einsatz von Bioenergie (B) und das Szenario mit höherem Anteil an importiertem Holz (C1) erreichen die geringsten Senkungen beim THG-Ausstoß, da hier Forstmanagement und Holznutzungsverfahren mit zusätzlicher Ernte im Mittelpunkt stehen, während die Nutzung geringer/früher Durchforstung, von Forstabfällen und Industriereststoffen (mit stärkerer Senkung des THG-Ausstoßes) in geringerem Maße vorgesehen wird.

Das Szenario mit höherem Schwerpunkt auf Bioenergie aus heimischen Wäldern (C3) erzielt recht gute Ergebnisse, da es auf Forstmanagement und Holznutzungsverfahren mit geringer/früher Durchforstung sowie die Nutzung von Forstabfällen und Industriereststoffen (mit stärkerer Senkung des THG-Ausstoßes) setzt und weniger zusätzliche Holzernten über dem Basisniveau vorsieht.

Das Szenario mit einem Rückzug aus der Bioenergie (D) erzielt die beste Leistung in Bezug auf die Senkung des THG-Ausstoßes, da das Niveau der Bioenergieproduktion aus Wäldern als Ergebnis der Prioritätssenkung beim Bioenergieverbrauch unter jenem des Referenzszenarios liegt. Mit diesem Szenario sind jedoch zusätzliche Kosten verbunden.

Aus diesen Schlussfolgerungen ergibt sich insbesondere:

Bioenergieproduktion mit zusätzlicher Holzernte, auch als Nebenprodukt zusätzlicher Ernten, kann die Gefahr hoher THG-Emissionen deutlich verschärfen.

Bioenergieproduktion mit geringer/früher Durchforstung und der Nutzung von Forstabfällen und Industriereststoffen birgt geringe Gefahren und sollte eine Senkung der THG-Emissionen bewirken.

 

2) Gefahrenanalyse der EU-Bioenergiepolitik

Um vorsichtig Position zu beziehen, könnte man versuchsweise folgende Schlussfolgerung aus den Projekterkenntnissen ziehen:

Sofern nicht geeignete Maßnahmen ergriffen werden, um die nachhaltige Bioenergieerzeugung (in Bezug auf die Auswirkungen auf THG-Emissionen) insbesondere im Fall der Waldbioenergie zu unterstützen, wird ein deutlicher Anstieg der Bioenergienutzung in der EU vermutlich eher mit einem Nettoanstieg als mit einer Senkung der THG-Emissionen aus Bioenergiequellen einhergehen.

Obwohl eine solche Schlussfolgerung durchaus auf Grundlage der Projekterkenntnisse gezogen werden kann, ist deutlich zu machen, dass die Ergebnisse keinesfalls bedeuten, dass eine vermehrte Nutzung von Bioenergie in der EU zwangsläufig zu höheren THG-Emissionen führt. Die Ergebnisse weisen eher deutlich darauf hin, dass im Zusammenhang mit einer verstärkten Nutzung von Bioenergie, insbesondere von Waldbioenergie, deutliche Gefahren eines Anstiegs der THG-Emissionen bestehen, es sei denn, bei Bioenergieerzeugung und -verbrauch werden in Bezug auf entsprechende THG-Emissionen angemessene Prüfungen und Ausgleichsmaßnahmen vorgenommen.  Somit ergibt sich folgende logische Konsequenz aus dieser Schlussfolgerung:

Werden spezifische Maßnahmen ergriffen um sicherzustellen, dass ausschließlich Anreize für nachhaltige Bioenergie (in Bezug auf die Auswirkungen auf THG-Emissionen) geschaffen werden, ist netto eine Senkung statt eines Anstiegs der THG-Emissionen durch die Nutzung von Bioenergiequellen zu erwarten.

 

3) Kriterien für die Senkung des THG-Ausstoßes

Die zentralen Erkenntnisse und Schlussfolgerungen dieses Projekts scheinen zwei grundlegende politische Optionen in Bezug auf erneuerbare Energien und einen potenziellen Beitrag der Bioenergie zu einer deutlichen kurzfristigen Senkung der THG-Emissionen im Vergleich zu fossilen Brennstoffen nahezulegen.

Eine Option wäre es, der Bioenergie geringere Priorität beizumessen, um potenzielle Gefahren bestimmter Bioenergiequellen zu vermeiden. Dies würde jedoch voraussichtlich zumindest einige der folgenden Maßnahmen erforderlich machen:

Vermehrter Einsatz anderer erneuerbarer Energiequellen (insbesondere Solar- und Windenergie)

Vermehrte gemeinsame Anstrengungen bei Energieeffizienz und auf der Nachfrageseite innerhalb der EU in allen Bereichen, insbesondere jedoch im Haushalts- und Verkehrssektor

Vermehrte Nutzung von Kernenergie (sowohl aktuelle als auch erwartete Zukunftstechnologien)

Erhöhte Abhängigkeit der EU-Region von Energieimporten aus anderen Ländern (Erdgas, nukleare Brennstoffe und Elektrizität)

Vermehrter Einsatz von Technologien zur Kohlenstoffabscheidung und -speicherung (im Vergleich zu Szenarien mit stärkerem Einsatz von Bioenergie).

Die alternative Option wäre es, Bioenergiequellen im Hinblick auf erneuerbare Energien und Senkung der THG-Emissionen weiterhin zu fördern und gleichzeitig eine Rahmenpolitik anzusetzen, die in der Lage ist sicherzustellen, dass Bioenergiequellen im Vergleich zu fossilen Brennstoffen tatsächlich zu einer deutlichen kurzfristigen Senkung der THG-Emissionen führen.

Wird diese alternative Bioenergie-Option verfolgt, ist es wichtig anzuerkennen, dass die Ergebnisse dieser Studie Bioenergie, insbesondere Waldbioenergie, als potenziellen Beitrag zu einer Erhöhung der THG-Emissionen ermittelt haben.  Dies ist jedoch nicht zwangsläufig der Fall, wenn ein Rahmen vorgegeben wird, der nur die Nutzung landwirtschaftlicher und forstlicher Biomassequellen als Energielieferanten zulässt, die tatsächlich eine Emissionssenkung bewirken. Die folgenden 15 Kriterien wurden provisorisch als Basis für einen solchen Rahmen vorgeschlagen. 5 Kriterien aus dem Bereich Forstmanagement können optional aufgenommen werden. 2 Kriterien aus dem Bereich Holzversorgung und Rohstoffe sind verbindlich aufzunehmen. Werden die optionalen Forstmanagement-Kriterien nicht angesetzt bzw. unter bestimmten Umständen je nach Ergebnis der Anwendung dieser Kriterien sind 8 bedingte Kriterien aus dem Bereich Rohstoffe ebenfalls anzusetzen.

 

Optionale Kriterien des Forstmanagements

 

  • Entwaldung – Nichtzulassung einer Waldbioenergieerzeugung, die zu Entwaldung führt.
  • Aufforstung – Eindeutige Bevorzugung einer Waldbioenergieerzeugung, die ausdrücklich mit Wiederaufforstung verbunden ist. Zu vermeiden ist jedoch eine Aufforstung
    • auf Böden mit hohem Gehalt an organischen Kohlenstoffen;
    • die ein hohes Risiko indirekter Landnutzungsänderung beinhaltet.
  • Verbesserung vorhandener Waldbestände – Eindeutige Bevorzugung von Waldbioenergieerzeugung, die ausdrücklich von Maßnahmen zum Erhalt und zur Stärkung der Waldbestände, Kohlenstoffbestände und des Forstertrags begleitet werden.
  • Wachstumsrate – Ablehnung einer Bioenergieproduktion aus Waldgebieten mit niedrigen Wachstumsraten. Versuchsweise wird eine niedrige Wachstumsrate als 2 m3 ha-1 jr-1 oder darunter definiert. Ausnahmen in manchen Fällen, z. B. bei mit Krankheiten befallenen Wäldern, sind möglich.
  • Durchforstung und Abholzung – Bleibt das Niveau der Waldbioenergieerzeugung aus Durchforstung und Abholzung konsistent mit langfristigen historischen Werten und dem Grundsatz des nachhaltigen Ertrags, so ist die Gefahr steigender THG-Emissionen gering. Ergibt die Nutzung der Waldbioenergie aus Durchforstung und Abholzung eine erhöhte Erzeugung im Vergleich zu langfristigen historischen Werten, so ist eine Produktion aus Durchforstung der Produktion aus Abholzung vorzuziehen. Hierbei gelten folgende Ziele:
  • Verbesserung der Qualität des verbleibenden Waldbestands;
  • Verringerung von Abfällen und Bodenkohlenstoff.

Wenn, und nur wenn das Niveau der Waldbioenergie aus Durchforstung und Abholzung in Waldgebieten eine erhöhte Erzeugung im Vergleich zu langfristigen historischen Werten ergibt, ist es notwendig, auch die bedingten Kriterien ebenso wie das verbindliche Kriterium bezüglich der Nutzung von Holzrohstoffen für Bioenergie zu berücksichtigen.

 

Verbindliche Kriterien für Holzversorgung und Rohstoffe

 

  • Skala der Bioenergienutzung – Abzielen auf ein Niveau der Waldbioenergienutzung, die sicher innerhalb der langfristigen nachhaltigen Ertragskapazität der genutzten Waldgebiete liegt. Beim Ansetzen des Niveaus für die Bioenergienutzung ist der Verbrauch von Biomasse für andere Verwendungszwecke (z. B. Materialien) sowie das Niveau der Biomassennutzung außerhalb der EU zu berücksichtigen.
  • Stümpfe einschließlich Wurzelwerk – Eindeutige Ablehnung einer Waldbioenergieerzeugung aus Stümpfen einschließlich Wurzelwerk.

 

Bedingte Kriterien für Holzrohstoffe

 

  • Abfallholz aus Wiederverwertung – Eindeutige Bevorzugung von Waldbioenergie aus Abfallholz aus der Wiederverwertung. Insbesondere solche Quellen sind zu fördern, bei denen Holz verwendet wird, das ansonsten verbrannt oder ohne Energierückgewinnung auf Deponien gelagert würde. Auch ist die Nutzung des Abfallholzes so zu gestalten, dass keine Konkurrenz zur bestehenden Nutzung solcher Rohstoffe als Materialien (z. B. Holzplatten) entsteht.
  • Industriereststoffe – Eindeutige Bevorzugung einer Waldbioenergieerzeugung aus Industriereststoffen. Insbesondere solche Quellen sind zu fördern, bei denen Reststoffe verwendet werden, die ansonsten verbrannt oder ohne Energierückgewinnung auf Deponien gelagert würden. Auch ist die Nutzung der Industriereststoffe so zu gestalten, dass keine Konkurrenz zur bestehenden Nutzung solcher Rohstoffe als Materialien (z. B. Holzplatten) entsteht.
  • Forstabfälle – Eindeutige Bevorzugung einer Bioenergieerzeugung aus schnell abbaubaren Forstabfällen (also keine Stümpfe einschließlich Wurzelwerk oder sonstige große Abfälle), vorausgesetzt, dass dies in einem Umfang erfolgt, der nicht zu einer Verschlechterung der Standort-/Bodenqualität führt.
  • Noteinschlag – Bevorzugung einer Waldbioenergieerzeugung aus Noteinschlag, wobei eine einfach berechnete, aber solide Schätzung der THG-Emissionen einen definierten Mindestgrenzwert erfüllt.
  • Komplette Baumstämme – Einschränkung einer Waldbioenergieerzeugung aus ganzen Baumstämmen gegenüber geringer/früher Durchforstung, mit dem Ziel einer Qualitätsverbesserung des verbleibenden Waldbestands. Dies ist besonders wertvoll, wenn andernfalls nur ein begrenzter Anreiz bestünde, Durchforstungsmaßnahmen und eine Verbesserung der Waldbestände umzusetzen.

Alternativ Bevorzugung einer Waldbioenergieerzeugung aus geringer/früher Durchforstung, wobei eine einfach berechnete, aber solide Schätzung der THG-Emissionen einen definierten Mindestgrenzwert erfüllt.

  • Kleines Rundholz – Bevorzugung einer Waldbioenergieerzeugung aus kleinem Rundholz in einem Maß, dass keine Konkurrenz zur bestehenden Nutzung solcher Rohstoffe als Materialien entsteht. Insbesondere solche Quellen sind zu fördern, bei denen kleines Rundholz verwendet wird, das ansonsten ohne Energierückgewinnung verbrannt oder auf Deponien gelagert würde.
  • Schnittholz – Eindeutige Ablehnung einer Waldbioenergieerzeugung aus Holzrohstoffen, die für eine Nutzung als Schnittholzprodukte geeignet sind.
  • Nebenerzeugnisse – Eindeutige Bevorzugung einer Waldbioenergieerzeugung als Nebenprodukt der Holzernte für die Herstellung langlebiger Materialholzprodukte. Hierbei sind jedoch unbedingt flankierende Maßnahmen zu ergreifen um zu gewährleisten, dass die anderen vorgenannten Rohstoffkriterien berücksichtigt werden. Auch sind für Materialholzprodukte am Ende ihrer Lebensdauer Entsorgungsarten zu fördern, die eine Energierückgewinnung vorsehen und geringe THG-Emissionen sicherstellen.

 

Die ECF hat den Bereich Forstforschung gebeten, RED II in ihrer aktuellen Form daraufhin zu prüfen, ob die vorgenannten Kriterien berücksichtigt werden. RED II umfasst keine spezifischen Bestimmungen für 9 der 15 empfohlenen Kriterien. Für 3 der 15 empfohlenen 15 Kriterien ist von RED II eine gewisse indirekte, jedoch nicht spezifische Unterstützung zu erwarten. Bei 3 der 15 empfohlenen Kriterien liefert RED ein direktes politisches Signal.

 

Es ist wichtig, dass Länder, die eine Umsetzung der RED II beabsichtigen, sich der Relevanz der vorgenannten Nachhaltigkeitskriterien für die Umsetzung der RED II bewusst sind. Wenn die EU-Bioenergiepolitik ihr gesetztes Ziel einer Senkung der THG-Emissionen erreichen soll, müssen solche Kriterien in der Politik der Mitgliedsstaaten umgesetzt werden.